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Die Sache mit der Resilienz

Resilienz im Ernährungssystem ist mehr als eine Frage der Produktion. Ob Versorgung unter Druck funktioniert, hängt auch davon ab, ob regionale Märkte organisiert sind und Angebot und Nachfrage effizient zusammenfinden. Was uns dabei antreibt.

Die Sache mit der Resilienz

Was Resilienz im Ernährungssystem bedeutet

Unser Ernährungssystem ist auf Effizienz getrimmt. Solange alles läuft, funktioniert das erstaunlich gut. Unter Druck zeigt sich jedoch, wie verletzlich ein System werden kann, das auf reibungslose Abläufe, große Mengen und günstige Verfügbarkeit gebaut ist.

Deshalb wird seit einigen Jahren immer häufiger über Resilienz gesprochen. Gemeint ist damit nicht maximale Effizienz im Normalbetrieb. Gemeint ist die Fähigkeit, auch unter schwierigen Bedingungen handlungsfähig zu bleiben, sich an Veränderungen anzupassen und Versorgung möglichst verlässlich aufrechtzuerhalten.

Solche schwierigen Bedingungen können von außen kommen, etwa durch unterbrochene Lieferketten, geopolitische Krisen oder stark steigende Energie- und Transportkosten. Solche externen Störungen lassen sich nie ganz ausschließen, ihre Folgen sollten aber möglichst begrenzt werden. Störungen können auch im System selbst entstehen, etwa durch ausgelaugte Böden oder nachlassende Ertragsfähigkeit. Solche internen Schwächen gilt es möglichst gering zu halten.

Warum Regionalisierung eine Rolle spielt

Dass Regionalisierung in dieser Debatte so präsent ist, hat gute Gründe. Kürzere Wege, mehr regionale Erzeugung und engere Beziehungen zwischen Produktion, Verarbeitung und Absatz können dazu beitragen, Abhängigkeiten zu verringern und Versorgung breiter aufzustellen.

Trotzdem wäre es zu einfach, Regionalisierung direkt mit Resilienz gleichzusetzen. Regionale Produktion stärkt die Resilienz nicht automatisch. Wenn sie auf Kosten der Böden geht oder selbst anfällige Strukturen hervorbringt, hilft sie langfristig ebenfalls nicht weiter. Auch regionale Strukturen können verletzlich sein, etwa bei Wetterextremen, Ernteausfällen oder fehlenden Verarbeitungs- und Logistikkapazitäten.

Gerade deshalb ist Regionalisierung nur ein Teil der Antwort, aber ein wichtiger. Wo mehr regionale Wertschöpfung entsteht, steigen auch die Chancen auf vielfältigere Strukturen in einer Region. Denn eine Region braucht nicht nur Kartoffeln, sondern auch Salat, Gemüse, Brot und in gewissem Maß Fleisch oder Käse. Je breiter regionale Produktion und Verarbeitung aufgestellt sind, desto eher kann eine Region ihre Versorgung robuster organisieren. Und wo mehr Vielfalt auch vielfältigere Fruchtfolgen und Anbausysteme ermöglicht, kann das zusätzlich die Bodenfruchtbarkeit stärken. 

Das eigentliche Dilemma zeigt sich in der Praxis

Wie widersprüchlich die Lage ist, zeigt sich in der Praxis besonders deutlich. Beispielhaft kann man es einem Betrieb sehen, der genau das tut, was vielerorts gewünscht wird: Ein regenerativer Bio-Betrieb wirtschaftet vielfältig und vermarktet regional. Er setzt nicht auf extreme Spezialisierung, sondern auf Diversität. Er baut verschiedene Kulturen an, stärkt regionale Wertschöpfung und schafft mehr Nähe zwischen Erzeugung und Absatz.

Trotzdem stößt ein solcher Betrieb beim Marktzugang oft schnell an Grenzen. Die Hürde liegt häufig nicht in der Produktion, sondern in der Vermarktung. Denn ein vielfältiger Betrieb vermarktet nicht ein Produkt in großer Menge, sondern viele Produkte in kleineren Mengen. Genau darin steckt ein struktureller Nachteil: Viel Aufwand entsteht je Produkt, während die Menge pro Produkt vergleichsweise gering bleibt.

Stark vereinfacht gesagt macht es einen Unterschied, ob ein Betrieb drei Tonnen Kartoffeln vermarktet oder zwei Tonnen Kartoffeln, 3000 Salatköpfe, 200 Kilogramm Tomaten und 200 Kilogramm Feldsalat. Im zweiten Fall steigen Abstimmungsaufwand, Bürokratie, Preisbildung, Bestelllogik und Vermarktungsarbeit deutlich. Dazu kommt, dass viele dieser Produkte weniger standardisiert sind und sich schwerer in bestehende Strukturen (Stichwort “großhandelsfähig”) einfügen.

Denn viele Beschaffungs- und Handelsstrukturen sind genau auf folgende Routinen ausgerichtet: auf Standardisierung, Planbarkeit und größere Volumina. Das ist ökonomisch nachvollziehbar. Für kleinteilige und vielfältige Angebote wird der Zugang dadurch aber schwieriger. Vieles ist auf klar definierte Standardware ausgelegt. Wer ein diverses, saisonales Angebot hat, passt dort oft nur unzureichend hinein.

Viele Betriebe suchen sich deshalb eigene Absatzwege in der Region. Und damit entsteht erheblicher, zusätzlicher Aufwand. Sichtbarkeit muss erst hergestellt werden, Beziehungen zu Abnehmern müssen aufgebaut werden, Prozesse müssen für ein wechselndes und vielfältiges Angebot immer wieder neu gedacht werden.

Wie konnten wir so weit kommen?

Dass regionale Märkte heute oft schwerer funktionieren, ist kein Zufall. Unsere Lebensmittelketten wurden über Jahrzehnte auf Effizienz, Standardisierung und große Mengen hin organisiert. Produziert wurde dort, wo Böden, Klima, Flächen oder Kosten besonders günstig waren. Verarbeitung, Handel und Logistik haben sich an dieser Logik ausgerichtet.

So entstanden Strukturen, in denen große Volumina mit vergleichsweise geringem Abstimmungsaufwand bewegt werden können. Aus Sicht von Preis, Skalierung und Prozessoptimierung war das schlüssig. Gleichzeitig wurden Abläufe, technische Systeme und Beschaffungsroutinen immer stärker auf genau diese Form von Versorgung zugeschnitten.

Regionale Produktion funktioniert oft anders. Sie ist kleinteiliger, vielfältiger und stärker von saisonalen, betrieblichen und logistischen Unterschieden geprägt. Das macht sie nicht automatisch schwächer. Es macht sie aber anspruchsvoller in der Organisation. Was im großskaligen System über Standardisierung läuft, muss im regionalen Markt häufiger über Kommunikation, Koordination und Vertrauen gelöst werden.

Warum Marktorganisation entscheidend ist

Genau hier liegt ein blinder Fleck in vielen Debatten über Resilienz. Regionale Produktion allein reicht nicht aus. Entscheidend ist, ob vielfältige und wenig standardisierte Angebote im Alltag tatsächlich vermarktet werden können.

Denn auch dort, wo regional erzeugt wird, müssen Angebot und Nachfrage zusammenfinden. Informationen müssen aktuell sein, Lieferungen müssen koordiniert werden, Beschaffung muss praktikabel bleiben. Fehlen passende Strukturen, bleibt regionales Potenzial zwangsweise unter seinen Möglichkeiten, weil der Weg zwischen Angebot und Nachfrage zu aufwendig ist.

Dabei folgt die Vermarktung solcher Angebote anderen Logiken als das bisher dominante System. Wer vielfältige, saisonale und weniger standardisierte Ware in den Markt bringen will, braucht dafür Prozesse, die genau damit umgehen können. Es braucht also nicht einfach mehr Produktion, sondern auch neue Routinen, neue Systeme und neue Formen der Koordination.

Resilienz entscheidet sich deshalb nicht nur auf dem Feld. Sie entscheidet sich auch in der Sichtbarkeit von Angeboten, in funktionierenden regionalen Beschaffungswegen, in verlässlicher Abstimmung und in Prozessen, die im Alltag tragen. Wo Informationen nicht zuverlässig fließen, wird auch der Warenfluss instabil.

Gerade hier kann Digitalisierung helfen. Sie ist kein Ersatz für Logistik, Verarbeitung oder Nachfrage. Ihr Wert liegt an anderer Stelle: Sie kann Sichtbarkeit erhöhen, Abstimmung vereinfachen und Transaktionskosten senken. Das gilt zunehmend auch dort, wo Angebote vielfältig, wechselhaft und wenig standardisiert sind.

Was daraus folgt

Wer Resilienz im Ernährungssystem stärken will, sollte Regionalisierung nicht auf die Erzeugung verengen. Entscheidend ist, ob regionale Angebote in tragfähige Marktstrukturen überführt werden: in verlässliche Absatzwege, praktikable Beschaffung und funktionierende Koordination.

Regionalisierung stärkt Resilienz nicht automatisch. Ihr Potenzial entfaltet sich erst, wenn Produktion und Nachfrage effizient zusammenfinden. Erst dann werden regionale Märkte praktisch belastbar.

Was uns dabei antreibt

Genau darin liegt unser Antrieb. Wenn vielfältig aufgestellte Betriebe in der Region einen Beitrag zu einem resilienteren Ernährungssystem leisten können, dann sollten sie ihre Produkte nicht nur mit großem Zusatzaufwand verkaufen können.

Unsere Vision ist, dass auch divers aufgestellte Betriebe in der Region ihre Produkte mit deutlich geringerem Aufwand vermarkten können. Denn nicht die richtigen Produkte sollten sich an die falschen Prozesse anpassen müssen. Gefragt sind Prozesse, die zu den richtigen Produkten passen.

Praktikable Abläufe sind deshalb keine Nebensache. Sie entscheiden mit darüber, ob regionale Potenziale überhaupt wirksam werden. Resilienz ist aus unserer Sicht nicht nur eine Frage der Produktion, sondern ebenso eine Frage funktionierender regionaler Märkte. Genau daran zu arbeiten, ist für uns kein Nebenschauplatz.


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