Die Sache mit der Resilienz
Resilienz im Ernährungssystem ist mehr als eine Frage der Produktion. Ob Versorgung unter Druck funktioniert, hängt auch davon ab, ob regionale Märkte organisiert sind und Angebot und Nachfrage effizient zusammenfinden.
Resilienz wird oft gefordert. Aber was heißt das eigentlich?
Spätestens seit den Krisen der letzten Jahre ist Resilienz zu einem zentralen Begriff geworden. Auch im Ernährungssystem wird sie heute deutlich stärker eingefordert als noch vor wenigen Jahren. Dahinter steht die berechtigte Frage, wie Versorgung auch dann funktionieren kann, wenn das bestehende Ernährungssystem unter Druck gerät. Es geht also nicht um ein kostenoptimales System unter optimalen Bedingungen, sondern um ein System, das auch unter schwierigen Bedingungen handlungsfähig bleibt.
Warum Regionalisierung Teil der Antwort ist
Zur Antwort gehören viele Punkte: Diversität, bodenschonende Erzeugung, alternative Bezugsquellen, Anpassungsfähigkeit, funktionierende Märkte und verlässliche Koordination. Regionalisierung gehört aus gutem Grund zu dieser Debatte. Kürzere Wege können Lieferbeziehungen robuster machen. Ein höherer Eigenversorgungsgrad setzt mehr regionale Erzeugung voraus. Das kann zugleich die Vielfalt in einer Region erhöhen und die Abhängigkeit von einzelnen überregionalen Bezugsquellen verringern. All das kann unsere Versorgung stabiler machen. Wer mehr regionale Wertschöpfung aufbaut, schafft zudem mehr Nähe zwischen Erzeugung, Verarbeitung und Absatz. Und das ist mehr als ein gutes Gefühl: Regionalisierung ist kein Selbstzweck, sondern ein Baustein für ein widerstandsfähigeres Ernährungssystem.
Das eigentliche Dilemma zeigt sich in der Praxis
Wer heute einen diversifizierten Bio-Betrieb mit regionalem Obst und Gemüse aufbaut, macht im Grunde genau das, was vielerorts gewünscht wird. Der Betrieb setzt auf Vielfalt statt auf Spezialisierung, auf regionale Vermarktung statt auf lange Wege und auf Strukturen, die grundsätzlich zur Resilienz beitragen. Trotzdem stößt er häufig schnell an Grenzen, denn der Zugang zum Markt ist oft schwierig, obwohl Regionalität und Resilienz politisch und gesellschaftlich gewünscht sind.
Ein Grund dafür ist, dass solche Betriebe oft nicht in die Logik des Großhandels passen. Dort wird standardisierte Ware in größeren Mengen gebraucht. Vereinfacht gesagt: nicht 50 Gemüsesorten mit jeweils 200 Kilogramm, sondern von einer Sorte mehrere Tonnen.
Wenn der Betrieb seine Produkte selbst vertreiben will, steht er vor zwei zentralen Herausforderungen. Erstens fehlt oft die Sichtbarkeit in der eigenen Region. Zweitens entsteht ein hoher Koordinationsaufwand mit zusätzlichen Kosten für Vertrieb, Fahrzeug, Marketing und Abstimmung. Regionalisierung scheitert also nicht nur an der Produktion vor Ort.
Warum das nicht nur eine Frage der Produktion ist
Genau hier beginnt der entscheidende Punkt. Ob Versorgung unter Druck funktioniert, entscheidet sich nicht nur auf dem Feld, sondern auch in der Organisation dahinter. Denn auch dann, wenn regional erzeugt wird, müssen Angebot und Nachfrage zusammenfinden. Da steckt bisher viel Aufwand: Nicht nur das wechselnde (!) Angebot muss beworben werden, sondern auch Lieferungen müssen koordiniert und Prozesse alltagstauglich organisiert werden. Oder anders gesagt: Wo kein Informationsfluss ist, entsteht meist auch kein verlässlicher Warenfluss.
Wie konnten wir so weit kommen?
Unsere Lebensmittelketten wurden über Jahrzehnte auf Effizienz, Standardisierung und große Mengen ausgerichtet. Produziert wurde dort, wo Klima, Böden oder Lohnkosten günstig waren. So sind eingespielte Strukturen entstanden, in denen große Volumina mit relativ wenig Abstimmungsaufwand bewegt werden können.
Regionale Märkte funktionieren anders. Sie sind kleinteiliger, vielfältiger und damit aufwendiger zu organisieren. Genau deshalb sind sie nicht automatisch schwächer, aber ohne gute Koordination oft schwerer marktfähig zu machen. Genau hier sehen wir Digitalisierung als Chance: Sie kann helfen, Angebot und Nachfrage sichtbar zu machen, Abstimmungen zu vereinfachen und Transaktionskosten zu senken. So können Strukturen wachsen, in denen neue regionale Märkte entstehen.
Was daraus folgt
Wer Resilienz im Ernährungssystem ernst meint, darf Regionalisierung nicht auf Erzeugung verkürzen. Entscheidend ist, ob aus regionalem Angebot auch funktionierende Marktstrukturen werden. Förderung kann Anschub geben, tragfähig wird das System aber erst, wenn Koordination einfacher, Transaktionskosten geringer und regionale Beschaffung alltagstauglich wird. Regionalisierung stärkt Resilienz nicht von selbst. Resilient wird sie erst dann, wenn daraus funktionierende Märkte werden.