Retten durch aufessen: Verlust und Erhalt alter Nutztierrassen

Schweinezüchter Ludwig Scherm aus Höllmannsried im Bayerischen Wald. Foto (c) Regiothek

Es mag einem nicht bewusst gewesen sein, aber es leuchtet ein: die industrielle Landwirtschaft mit ihren Standards und Effizienzansprüchen hat dazu geführt, dass sich die Anzahl Nutztierrassen stark verringert hat. Tatsächlich gelten heute 52 der 74 in Deutschland heimischer Nutztierrassen (in Bezug auf Großvieh) als gefährdet. Wie konnte es soweit kommen – und was können wir als Gesellschaft tun?

Seit dem Beginn der Domestizierung von Tieren durch den Menschen waren weltweit tausende verschiedene Nutztierrassen entstanden. Noch im Europa des 19. und 20. Jahrhunderts hatte zum Teil jeder Landstrich und jedes Gebirgstal eine eigene Rinder, Pferde- oder Schweinerasse. Der Handel – und somit auch der Viehhandel und der Austausch genetischer Ressourcen – war viel lokaler, und das Wissen um gezielte Züchtung eher eine Frage von bäuerlichen Gespür oder Zufall denn eine Frage von staatlichen oder privaten Laboranstalten.

Seit dem wirtschaftlichen Siegeszug der industriellen Landwirtschaft nach 1945 geht es vor allem darum, möglichst viel Ware bei möglichst geringen Kosten und somit zu möglichst effizient produzieren. Doch nicht jede Nutztierrasse setzt schnell Fleisch an oder produziert genug Milch, um im Sinne der Industrie profitabel zu sein. Deswegen wurden Rind, Schwein und Co. immer stärker zu einheitlichen Hochleistungen gezüchtet. Auf der Strecke blieben und bleiben die genetische und kulturlandschaftliche Vielfalt und sehr oft auch das Tierwohl.

Rinder: Von der Mehrfachnutzung zur Spezialisierung

In der Rinderhaltung unterscheidet man heute hauptsächlich zwischen Fleisch- und Milchrassen, so dass die ursprünglich typischen Doppelnutzungsrassen mittlerweile schon fast eine Besonderheit sind. Vor der Einführung des Traktors waren die allermeisten Rinderrassen sogar Dreinutzungsrassen, da sie zur Bodenbearbeitung vor den Pflug gespannt wurden.

Neben der Fleisch- und Milcherzeugung wurden Rinder früher auch als Zugtiere genutzt. Foto: gemeinfrei (ca. 1924)

Für ihr Kälbchen würde eine Kuh typischerweise 8 kg Milch am Tag produzieren, jedoch können Hochleistungskühe heutzutage im Durchschnitt 30 kg Milch und im Extremfall bis zu 50 kg Milch am Tag liefern. Am Ende ihres produktiven Lebens werden sie geschlachtet. Im Gegensatz dazu werden Fleischrassen rein für die Schlachtung aufgezogen, so dass die Milchleistung nebensächlich ist. Alte Doppelnutzungsrassen verbinden beides: sie geben etwas weniger Milch als die Hochleistungskühe, liefern dafür aber auch besseres Fleisch. Tatsächlich stehen aber einige der wichtigsten Doppelnutzungsrassen gleichzeitig auf der Roten Liste gefährdeter Haustierrassen. „Extrem gefährdete“ Doppelnutzungsrassen aus Bayern sind in etwa das Murnau-Werdenfelser Rind aus dem Oberland oder das Ansbach-Triesdorfer aus Mittelfranken. Auch die Rote Liste der Österreichischen Nationalvereinigung für Genreserven (Öngene) ist lang. „Hochgefährdete“ Doppelnutzungsrassen sind zum Beispiel das Waldviertler Blondvieh oder auch das Braunvieh alter Zuchtrichtung, das in der Nachkriegszeit durch Einkreuzungen amerikanischer Linien vom wesentlich milchleistungsstärkeren „Brown-Swiss“ fast gänzlich verdrängt wurde.

Das in Bayern und Österreich weit verbreitete Fleckvieh (auch: Simmentaler) wird meistens als Doppelnutzungsrind gehalten, wie hier in der Hofkäserei Ecker in Unterhüttensölden bei Grafenau. Foto (c) Regiothek.

In Bayern ist vor allem das – nicht gefährdete – landestypische Fleckvieh als Doppelnutzungsrasse weit verbreitet. Es wird zum Beispiel auf dem Hof der Familie Ecker in Unterhüttensölden im Grafenauer Land gehalten. Dort stellen die Bäuerin und Jungbäuerin zahlreiche Käsesorten frisch in der hofeignen Käserei her.

Schweine: Wechselnde Verbrauchergewohnheiten

Alte Haustierrassen spiegeln also regionale Traditionen wieder, sichern die genetische Vielfalt und sorgen für geschmackliche Abwechslung auf dem Teller. Gerade bei alten Schweinerassen gibt es aber einen Konflikt zwischen hohen Fettanteil der Tiere und den aktuellen Verbrauchervorlieben für mageres Fleisch. Heutige Hausschweine haben 50% weniger Fett als ihre Vorfahren vor 100 Jahren. Und durch diese Zucht auf andere Verbrauchervorlieben sind die Schweine länger geworden und haben sogar mehr Rippenpaare. Will man das wirklich? Laut dem Bayerischen Landwirtschaftsministerium stellen diese Zuchtergebnisse „eine wichtige Stellschraube für die Vermarktungs- und Wettbewerbsfähigkeit des Schweinefleisches“ dar. Die Macht liegt also beim Verbraucher!

Speck vom Turopolje-Schwein – wie dieses saftige Stück vom Nachbar-Hof bei Bad Griesbach – ist fetter, aber dafür viel aromatischer als der von modernen Hochleistungsrassen. Foto: Julia Egger.

„Manche Leute schauen schon etwas verdutzt, wenn sie den Fettanteil unserer Schweine sehen“, sagt Biobäuerin Martina Egger. Auf dem von der Familie Egger bewirtschafteten Nachbarhof in der Nähe von Bad Griesbach im Rottal leben einige Turopolje-Schweine, eine für ihren hohen Fettanteil bekannte Extensivrasse. Das aus Kroatien stammende Schwein war bis ins 20. Jahrhundert auch in ehemaligen K&K-Gebieten verbreitet und wird heute im österreichischen Register der Traditionellen Lebensmittel als Kulturgut gelistet. Und immer mehr Verbraucher lernen die alten Qualitäten wieder zu schätzen: „Ein höherer Fettanteil war zwar lange aus der Mode, aber der Speck von unseren Schweinen ist dafür viel aromatischer und geschmackvoller aus einer aus dem Supermarkt“, so Martina Egger.

Auch Anton Dapont vom Biohof Hausberg in Egglham im Rottal hält die sehr kälte- und krankheitsresistente Turopoljes. Seine Schweine kann man sogar „leasen“: Als Verbraucher können Sie dort ein achtwöchiges Ferkel im Voraus aussuchen und zahlen im Anschluss ein monatliches Futterentgelt bis zur Schlachtung, deren Zeitpunkt Sie ebenfalls selbst festlegen können.

Auf Seiten der Erzeuger gibt es also heutzutage wieder mehr Schweinezüchter, die den Wert der alten, stressresistenteren Rassen erkannt haben und sich für deren Erhalt einsetzen. In Süddeutschland wird wieder vermehrt das fast schon verlorene, robuste Schwäbisch-Hällische Landschwein gehalten. Das Fleisch der Rasse ist sogar du rch die geschützte geographische Angabe der EU geschützt, so lange die Schweine in ihrer Ursprungsregion im Norden Baden-Württembergs gezüchtet und traditionell gefüttert werden.

Das robuste Schwäbisch-Hällische Schwein ist eine alte Extensivrasse und gedeiht auch in rauen Klimazonen wie hier am Biohof „Beim Schuster“. Foto (c) Regiothek.

Doch auch bei uns finden sich Liebhaber dieser Rasse. Ludwig Scherm vom Biohof „Beim Schuster“ in Höllmannsried (Lkr. Regen) ist einer der wenigen Herdbuchzüchter des Schwäbisch-Hällschen in Bayern. „Wir liegten auf ungefähr 750 m über dem Meeresspiegel, aber die Rasse ist sehr robust. Meine Schweine können das ganze Jahr über raus, zumindest solange der Schnee nicht höher ist als die Sau,“ sagt Ludwig Scherm.

Erhalt der Diversität als Zukunftsaufgabe

Die Liste der heimischen Nutztierrassen, die aufgrund veränderter Anforderungen vom Aussterben bedroht sind, ist lang und reicht von Wiederkäuern wie Kuh und Schaf über Pferde und Hunde hin zu Kleintieren und Geflügel. Auch die in Deutschland ehemals weit verbreitete Dunkle Europäische Biene wird zunehmend durch die ertragreichere Carnica-Biene verdrängt.

Zum Erhalt all dieser Rassen gibt es seit den 1990er Jahren das so genannte Arche-Projekt, das es Verbrauchern ermöglich, die Vielfalt der Nutztierrassen kennenzulernen. Und natürlich auch, regionale Produkte zu kaufen, denn, ganz im Sinne des Slow Food-Gründers Carlo Petrini, nur durch aufessen können die gefährdeten Arten geschützt werden.

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