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Als es an Heiligabend noch nix zu essen gab

Würstchen mit Kartoffelsalat an Heiligabend? – Hätte es früher nicht gegeben, zumindest nicht vor Mitternacht! Denn was urtraditionell und typisch deutsch klingt, ist eine relativ neue Erscheinung. Bis ins 20. Jahrhundert hinein war in katholischen Gebieten bis einschließlich Heiligabend Fasten angesagt!

12/24/2018 - Simon Nestmeier
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Als es an Heiligabend noch nix zu essen gab

Zu diesem Thema hat wohl schon fast jeder einmal eine kleine private Umfrage im eigenen Bekanntenkreis durchgeführt: „Was gibt’s denn heuer bei euch zu Heiligabend?“ – Und die Antwort „Würstel mit Kartoffelsalat“ hat wohl auch schon jeder einmal bekommen. Die private Intuition, diese Kombination wäre zur Bescherung der Renner in deutschen Familien, wird auch von belastbaren Statistiken bestätigt: 36% der Befragten gaben an,  Würstchen und Kartoffelsalat zu essen, womit sich dieses urdeutsche Gericht längst als das beliebteste Abendessen an Heiligabend etablierte (Mehrfachnennungen möglich).

Zumindest bis Mitternacht/bis nach der Christmette war in katholischen Gebieten Fleisch früher tabu. Wirklich „traditionell“ sind Würstchen und Kartoffelsalat an Heiligabend also nicht.

Zumindest bis Mitternacht/bis nach der Christmette war in katholischen Gebieten Fleisch früher tabu. Wirklich „traditionell“ sind Würstchen und Kartoffelsalat an Heiligabend also nicht.

Bild: Statista 2014.

Ob die berühmten „Würstel mit Kartoffelsalat“ als Festessen durchgehen, ist eine ambivalente Frage. Kulinarisch wirken sie höchst profan, liturgisch galten sie dafür als höchst problematisch! Fest steht: Eine lange Tradition haben sie nicht. Denn auch zerhackt und in Därme gestopft bleibt Fleisch Fleisch und ist aus kirchlicher Sicht an Fasttagen deshalb untersagt. Und Heiligabend wurde noch bis vor einigen Jahrzehnten als Fasttag begangen.


Kulinarisch hatte Oma an Heiligabend noch nichts zu lachen

Wer sich an die Erzählungen katholischer Großeltern erinnert oder was ältere LeserInnen vielleicht noch aus der Kindheit im ländlichen Bayern wissen: Essen und Bescherung gab es früher erst um Mitternacht, bis zum Fastenbrechen mit der Hostie in der Christmette war für den Heiligabend Enthaltung angesagt! Der 24. Dezember war von jeher ein Arbeitstag, erst em 25. beginnt das Weihnachtsfest – beziehungsweise mit der Mette in der Nacht vorher, dem „Hochfest der Geburt des Herrn“. Eine liturgisch einwandfreie Christmette darf übrigens frühestens um 22 Uhr beginnen.

Was gab es im katholischen Bayern nun zu Omas Kindheit an Heiligabend? Zumindest tagsüber höchstens „leichte Speisen“, mit Sicherheit aber keine Würstchen. Den Kartoffelsalat vielleicht schon, aber maximal mit Fisch – worauf die Tradition des Weihnachtskarpfens zurückgeht. Da sie in der spätabendlichen Christmette außerdem zur Kommunion gehen sollte, durfte Oma – je nach Jahrzehnt – aufgrund des Gebotes der „Eucharistischen Nüchternheit“ vorher ohnehin keine festen Speisen zu sich nehmen: Dieses Gebot zum Fasten vor der Kommunion bedeutete die völlige Enthaltung von Speise und Trank (außer Wasser) ab 00.00 Uhr des Tages, an dem die Kommunion stattfand. Aufgrund päpstlicher Lockerungen musste Oma ab 1957  „nur“ noch die letzten drei Stunden vor der Eucharistie auf feste Speisen verzichten (Papst Pius XII: Sacram communionem), ab 1964 nur noch bis eine Stunde vorher (Papst Paul VI: Die XXI mensis).

Auf den Bauernhöfen wurde früher oft ein „Weihnachter“ gennantes Schwein eigens für’s Fest gemästet und geschlachtet.

Auf den Bauernhöfen wurde früher oft ein „Weihnachter“ gennantes Schwein eigens für’s Fest gemästet und geschlachtet.

Bild: Bundesarchiv, 1947 (CC BY-SA 3.0 DE)

Essen, insbesondere Fleisch, vor der Christmette ist also eine noch relativ neue Erscheinung. Es war dem eigentlichen Weihnachtsfest vorbehalten, an dem es dann dafür aber umso mehr davon gab. Auf vielen bayerischen und österreichischen Bauernhöfen wurde bis nach dem Zweiten Weltkrieg ein Schwein gezielt für das Weihnachtsfest gemästet: Regional „Weihnachter“ oder „Mettensau“ genannt, wurde dann die Sau erst zum Mahl nach der „(Christ-)Mette“ oft in Form von Räucherspeck, Kesselfleisch oder tatsächlich auch als Wurst verzehrt. Erst in den letzten Jahrzehnten haben sich die Feierlichkeiten mit Bescherung und Festessen immer mehr in den Nachmittag und Vorabend des 24. Dezembers verlagert.


Der Advent als Fastenzeit light

In Zeiten übervoller Regale und fettigen Würsteln aus den Buden der Christkindlmärkte allerorten sind wir heute meistens schon zum eigentlichen Beginn der Weihnachtszeit vollgefressen. Der Advent ist nicht nur die umsatzstärkste Zeit des Jahres für den Einzelhandel geworden, sondern auch eine mit besonders hohem Konsum an Alkohol und festlichen Gerichten – man denke nur an die zahlreichen Betriebsfeiern und Veranstaltungen im Dezember. Dabei ist die vorweihnachtliche Fastenzeit früherer Zeiten sehr gut vergleichbar mit der heute noch allseits bekannten vorösterlichen, „Großen“ Fastenzeit  – wenngleich erstere nie ganz so streng war wie letztere. Begründet wurden beide ähnlich: Wie auf das Osterfest sollten sich die Gläubigen auch auf das Weihnachtsfest innerlich vorbereiten, zur Besinnung kommen, fasten und Buße tun. Genaue Regeln und Zeiträume des Adventsfastens wurden über die Jahrhunderte immer wieder neu definiert. Die Synode von Mâcon (581) beispielsweise schrieb lediglich für alle Montage, Mittwoche und Freitage der Adventszeit Fasten vor. Später musste an allen Tagen außer Samstag und Sonntag gefastet werden, bis zum Weihnachtsfest der Alten Kirche am 6. Januar, dem heutigen Dreikönigtag. Auch hier wurde analog zur Großen Fastenzeit die symbolträchtige Zahl von 40 Fasttagen gewählt, zuzüglich der Wochenenden dauerte das Adventsfasten also 56 Tage.

Und wenn man vom Dreikönigtag nun 56 Tage zurückrechnet, kommt man auf… den 11. November. Sankt Martin war nicht nur „ein guter Mann“, wie es im Kinderlied heißt, sondern markiert deshalb auch den Beginn des Faschings. Martini galt außerdem als das Ende des bäuerlichen Erntejahres – und war damit auch die perfekte Gelegenheit, sich nochmals ordentlich selbst zu mästen. Am besten mit einer fetten Martinigans zum krönenden Abschluss, die man am Tag vor dem Adventsfasten noch verspeisen durfte und die hier ihren Ursprung hat.

Doch gerade hier ging das Dilemma los: Nachdem die Bauern Anfang November die Ernte und ihre Folgearbeiten abgeschlossen hatten, war die darauffolgende Zeit eigentlich ideal zum Schlachten. Nicht nur  mussten die Bauern im Winter nicht mehr auf’s Feld und hatten somit mehr Zeit, auch waren sie auf die kalte Jahreszeit angewiesen, um ohne moderne Konservierungsmethoden das verderbliche Fleisch haltbar zu machen. Schlachtungen und der unmittelbare Verzehr von Fleisch waren während der Adventszeit also schwer gänzlich zu unterbinden. Vielleicht ein Mitgrund, weshalb sich in unseren Klimazonen das Fasten vor Weihnachten – vor allem an den Wochenenden – auch nie so streng geäußert hat wie vor Ostern.

In den orthodoxen Kirchen hat der Advent seinen Fastencharakter noch behalten: Dort gibt es immer noch die 40-tägige Philippus-Fastenzeit, die nach dem ostkirchlichen Patronantstag des Apostels Philippus am 14. November beginnt und erst am 25. Dezember gebrochen wird. Und selbst in manchen Riten der Westkirche dauert der Advent heute noch 6 Wochen: In der mozarabischen (westgotischen) Liturgie, die in Spanien vor allem um Toledo und Salamanca noch verbreitet ist, oder in der ambrosianischen Liturgie im Erzbistum Mailand beginnt der Advent heute noch am Sonntag nach Martini.

Erst mit der Reform des Kirchenrechts, dem Codex Iuris Canonici aus dem Jahr 1917, verlangt der Vatikan das strenge Adventsfasten nicht mehr ausdrücklich und flächendeckend, sondern überließ im Rahmen einheitlicher päpstlicher Vorgaben die genaue Ausgestaltung der Fastenregeln für eine bestimmte Diözese den jeweiligen Bischöfen. Und in Bayern wurde erst seit den 60er Jahren durch die weiteren päpstlichen Lockerungen der Fastengebote und durch die Kirchenreformen des 2. Vatikanischen Konzils die Abstinenz an Heiligabend mehr und mehr gelockert.


Woher kommen nun die Würstchen?

Warum sich nun die Würstchen mit Kartoffelsalat nach der Lockerung der liturgischen Traditionen so schnell und so hartnäckig als „Klassiker“ für den Heiligabend etabliert haben, bleibt Anlass zur Spekulation. Vielleicht ja deshalb, weil man die Würstchen recht schnell einfach erhitzen und den Kartoffelsalat gut vorbereiten kann. Der Schluss legt nahe, dass sich dieses so deutsche Gericht am ohnehin stressigen Heiligabend aufgrund einer ebenfalls sehr deutschen Einstellung durchgesetzt hat: Weil’s praktisch ist.

Der wirklich üppige Festbraten jedenfalls kommt auch heute in den meisten deutschen Familien erst am 25. Dezember  auf den Tisch: sehr beliebt ist immer noch das tatsächlich traditionelle Geflügel wie Ente oder die berühmte Weihnachtsgans.

Auch wenn es für dieses Jahr bereits zu spät ist, schon einmal als Tipp für nächstes Jahr: Sowohl Weihnachtsgänse wie auch Schweine gibt es beispielsweise am Biohof Beim Schuster oder am Biohof Hausberg – bei letzterem kann man die Schweine auch „leasen“, ganz in der Tradition der „Mettensau“, die dann kurz vorm Fest geschlachtet wird.

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Zum Thema Weihnachten haben wir noch einen Artikel zu Gewürzen, schaut mal rein!