Solawi Vereinte Wurzelwerke im Ilztal: Ackern in Selbstverwaltung

Neben Gemüseerzeugung soll die Solawi vor allem eins: Spaß machen. (c) Vereinte Wurzelwerke.

Nur etwa drei Kilometer Luftlinie entfernt vom touristischen Hochbetrieb der Passauer Altstadt bietet ein alter Bauernhof eine Art ökologische Ausgleichsfläche für Stadtbewohner. Die Solidarische Landwirtschaft „Vereinte Wurzelverke Ilztal e.V.“ ist eine selbstverwaltete Anlaufstelle für diejenigen, die ihre Gemüseerzeugung gleich selbst in die Hand nehmen wollen.

Die Gemeinschaft in Passau hat sich im Frühjahr 2015 konstituiert – kaum zu glauben, dass die Idee erst gut zwei Jahre her ist, denn inzwischen sind die Vereinten Wurzelwerke ein fester Begriff für viele Einwohner geworden. „Inzwischen versorgen wir ungefähr 120 Passauerinnen und Passauer mit Gemüse“, sagt Dr. Stefanie Wehner, eine der drei Initiatoren des Projektes. In Unteröd im Ilztal wurde damals ein alter Bauernhof aufgetrieben, und in Kombination mit den landwirschaftlichen und gärtnerischen Kompetenzen der Impulsgeber entstand so eine kleine Öko-Oase für arbeitswillige Selbstversorger.

Das Prinzip einer Solidarischen Landwirtschaft

Die Idee der Solidarische Landwirtschaft – abgekürzt Solawi – ist eigentlich ganz einfach: „In der solidarischen Landwirtschaft tragen mehrere private Haushalte die Kosten eines landwirtschaftlichen Betriebs, wofür sie im Gegenzug dessen Ernteertrag erhalten. Durch den persönlichen Bezug zueinander erfahren sowohl die Erzeuger*innen als auch die Konsument*innen die vielfältigen Vorteile einer nicht-industriellen, marktunabhängigen Landwirtschaft“, erklärt das Netzwerk Solidarische Landwirtschaft, eine Art Dachverband vieler bundesdeutscher Solawis.

Im Unterschied zu Gemüsekisten oder Ökokisten, die man als Privathaushalt ebenfalls über ein Abo-Modell beziehen kann, sind bei einer Solawi die Konsumenten nicht normale Käufer eines regelmäßigen landwirtschaftlichen Ertrags, sondern als Vereinsmitglieder und Anteilseigner (des zukünftigen Ertrages) Produzenten und Konsumenten zugleich. Eine Solawi wird also von mehreren Privatpersonen oder –Haushalten gemeinschaftlich organisiert und im Voraus finanziert.

Entstanden zur Zeit des gesellschaftlichen Wandels der 1960 er Jahre in Japan, breitete sich das Konzept schnell in die USA und nach Europa aus. In Frankreich und der Schweiz floriert es schon seit Jahrzehnten, während die Idee in Deutschland und Österreich erst sehr allmählich Fuß fasste, jedoch im letzten Jahrzehnt ordentlich an Fahrt gewann. Inzwischen gibt es wohl um die 200 Höfe in Deutschland und Österreich.

Theoretisch ist die Produktpalette eines solchen kooperativ organisierten Hofes nicht beschränkt. Was angebaut wird, was womöglich weiterverarbeitet wird und welche Personen zu welchen Tagen und Uhrzeiten welche Aufgaben übernehmen, obliegt der Selbstverwaltung jeder individuellen Solawi.

Das Tagwerk der Wurzelwerker

In Unteröd im Ilztal wird hauptsächlich Gemüse produziert, aber auch Kräuter und ein paar Beeren. Die Nutztierhaltung ist zwar in den ökologischen Kreislauf eingebunden, da die Solawi mit einem Demeter-zertifizierten Betrieb zusammenarbeitet. Um auf externe Nährstoffquellen zu verzichten, wird entsprechend der Prinzipien der biologisch-dynamischen Landwirtschaft mit Mist gedüngt. Die tierischen Erzeugnisse von Hühnern, Enten und Schafen fließen jedoch nicht in die wöchentlichen Ernteanteile mit ein.

Zwar gibt es inzwischen festes Personal auf dem Hof, da bei der Menge an benötigtem Gemüse der Arbeitsaufwand ansonsten nicht gewährleistet werden könnte. Grundätzlich jedoch müssen die Mitglieder der Vereinten Wurzelwerke sich ihre Ernte im Schweiße des eigenen Angesichts erarbeiten. Die administrative und logistische Organisation alleine ist schon eine gewisse Herausforderung.

Was auf jeden Fall einer besonderen Erwähnung wert ist, ist das Engagement der Passauer Solawi in Bezug auf den Boden. „Chef-Landwirt“ Florian Fischer zieht an einem Büschel Unkraut am Feldrand und hebt damit ein Stück Erdreich aus. Darunter befindet sich der Beweis: „Tauwürmer haben wir hier überall. Sie sind ein gutes Zeichen für Bodengesundheit und Biodiversität“, so Florian Fischer.

Um Bodenverdichtung zu vermeiden wird so weit wie möglich mit Muskelkraft gearbeitet, der Traktor soll nur in Ausnahmefällen wie bei der Kartoffelernte zum Einsatz kommen. Uns so kommt in regelmäßigen Abständen auch die Muskelkraft zweier Zugpferde zum Einsatz: „Da spielt auch eine pädagogische Komponente mit“, erklärt Florian Fischer.

Bei dieser Wirtschaftsweise ist es wohl fast überflüssig zu erwähnen, dass auf dem Hof nur das kultiviert werden kann, was gerade Saison hat. Die Mitglieder werden dadurch das Jahr hindurch mit den gerade saisonal verfügbaren Gemüsesorten versorgt.

Wann und wo…?

Allgemein ist die Produktion an Gemüse, Kräutern und Beeren für die Vereinsmitglieder reserviert. Wer Interesse hat, muss auf der jeweils zu Jahresende bzw. Jahresbeginn stattfindenden Versammlung einen Anteil für 12 Monate erwerben. Ein Anteil versorgt im Schnitt mehr als eine einzelne Person und ist deshalb auch für Familien oder Studenten-WG’s interessant. Die Anteile sind begrenzt, heiß begehrt und wer zu spät kommt geht meistens leer aus! Die Anteile kann man dann wöchentlich entweder direkt vom Hof in Unteröd im Ilztal oder an der Abholstation in der Innstraße abholen.

Veranstaltungen

Neben der landwirtschaftlichen Urerzeugung ist eine weitere Kernaufgabe der Solawi das Organisieren von verschiedenen Veranstaltungen. Dazu gehören kulturelle Veranstaltungen wie Kino- oder Theaterabende, informative Veranstaltungen wie Vorträge, Diskussionsrunden oder Kurse sowie Feste im Jahreskreis, in etwa Erntedank, Wintersonnenwende usw. Auch Nicht-Mitglieder sind bei den allermeisten Veranstaltungen willkommen.

Kontakt & Infos

Vereinte Wurzelwerke e.V.
Solidarische Landwirtschaft
Unteröd im Ilztal 25
94034 Passau

info (at) vereinte-wurzelwerke.de
www.vereinte-wurzelwerke.de

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